Digitale Nachbarschaftshilfe: Sebastian Penthin, Marc Leuthardt, Sabrina Kolberg und  Justin Hallauer (v.l.n.r.) vom Lokalportal.

Digitale Nachbarschaftshilfe: Sebastian Penthin, Marc Leuthardt, Sabrina Kolberg und Justin Hallauer (v.l.n.r.) vom Lokalportal.

Was bringt ein Kieler Start-up dazu, es mit sozialen Netzwerkgiganten wie Facebook und Co. aufzunehmen? „Wir wollen nicht die ganze Welt, sondern Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung miteinander vernetzen“, erklärt Sebastian Penthin. Er und seine drei Mitstreiter, Justin Hallauer, Sabrina Kolberg und Marc Leuthardt wollen – unterstützt von einem mehrköpfigen Entwicklerteam – mit ihrer Internetplattform Lokalportal sowohl die Nachbarschaftshilfe als auch das Schwarze Brett neu erfinden.

Warum finde ich im Internet eigentlich leichter eine Mitfahrgelegenheit von Kiel nach Hamburg, als von Schönberg nach Kiel? Eine Frage, die Sebastian Penthin und Justin Hallauer animierte, beide sind selbst ländlich in der Probstei aufgewachsen, über eine bessere Vernetzung vor der eigenen Haustür nachzudenken. „Gerade auch Ältere oder Menschen ohne Auto stehen häufig vor dem Problem mangelnder Mobilität“, so Penthin. Die Idee eines Ortes im Netz, an dem sich Nachbarn austauschen und gegenseitig helfen können, nahm erste Gestalt an.

„Wir wollen, dass Menschen, die Tür an Tür wohnen, miteinander in Kontakt kommen und Synergieeffekte nutzen“, sagt der 28-Jährige.

Seit Herbst 2014 tüfteln er und seine Mitstreiter an ihrer Kommunikationsplattform, seit einigen Monaten ist sie für ganz Schleswig-Holstein freigeschaltet. „Bis März läuft noch die Testphase, und wir feilen mit Hochdruck an zusätzlichen Funktionen und den letzten Schwächen, aber das System funktioniert“, sagt Penthin. Sowohl Privatpersonen als auch Seitenbetreiber, darunter Initiativen oder Vereine, sowie Gemeinden und öffentliche Ämter können das Lokalportal kostenlos nutzen, um Informationen bereitzustellen und auszutauschen. Zurzeit testet das Start-up für die Region rund um Rendsburg eine Kooperation mit der Landeszeitung. Die Nutzer bekommen dann automatisch die Artikel angezeigt, die für ihre unmittelbare Umgebung von Bedeutung sind.

„Im Grunde möchten wir dahin kommen, dass die Nutzer alle wichtigen Infos aus ihrer Nachbarschaft im Lokalportal finden“, so der Gründer.

Ob Babysitter gesucht, eine Versteigerung für einen guten Zweck oder Klamotten zu verschenken – auf Lokalportal lassen sich Tausch- und Verkaufsgeschäfte abwickeln, Tipps für die nächste Partylocation einholen und auf Veranstaltungen hinweisen. Der Bäcker um die Ecke kann posten, wenn abends noch Brötchen übrig sind, die Gemeinde kann Neuigkeiten bekanntgeben. Aber auch aktuelle gesellschaftliche Themen spiegeln sich auf dem Portal. „In den letzten Monaten haben sich die Leute bei uns vor allem im Bereich der Flüchtlingshilfe organisiert und ausgetauscht“, sagt Penthin.

Alle Infos, die den Nutzern angezeigt werden, kommen aus einem Umkreis von maximal 20 Kilometern. Gesteuert wird dies über die Postleitzahl, die bei der Anmeldung angegeben werden muss. Anders als bei Facebook werden jeweils nur Informationen aus der Nachbarschaft angezeigt, zudem sind die Inhalte nicht per Suchmaschine im Netz auffindbar, die Daten werden nicht an Dritte verkauft und in Deutschland gespeichert. „Wir wollen eine sichere, vertrauensvolle Atmosphäre“, sagt Penthin. Hasskommentare oder Pöbeleien unter den derzeit rund 3.000 Nutzern zwischen Nord- und Ostsee habe es bisher auch nicht gegeben. „Es gab gerade einmal einen Kommentar, den wir löschen mussten“, so der Gründer.

Erinnert optisch an Facebook, agiert aber nur in der Nachbarschaft: Modellseite vom Lokalportal.

Erinnert optisch an Facebook, agiert aber nur in der Nachbarschaft: Modellseite vom Lokalportal.

Geld verdienen die Macher von Lokalportal mit ihrer Idee bisher noch nicht. Zurzeit finanziert sich das Team über einen Gründerkredit vom Land Schleswig-Holstein. Zudem können die vier nach dem Gewinn eines Ideenwettbewerbs, den ein Kieler IT-Dienstleister ausgeschrieben hatte, in dessen Geschäftsräumen noch bis Mitte des Jahres kostenlos ein Büro nutzen und vom Know-how des Software-Unternehmens profitieren. In naher Zukunft planen Penthin und seine Mitstreiter lokalen Unternehmen Werbeplätze anzubieten, die Zusammenarbeit mit Zeitungen auszubauen und Ämtern und Gemeinden gegen Bezahlung Zusatzfunktionen zur Verfügung zu stellen. „Das könnte zum Beispiel ein Live-Chat mit dem Bürgermeister sein“, so Penthin. Für Privatpersonen bleibt die Nutzung kostenlos.

„Im Grunde sind wir sehr zufrieden mit der Entwicklung“, sagt Penthin. Die Nutzerzahlen gingen nach oben, die Altersstruktur sei erfreulich heterogen. Und auch dem oft gehörten Vorurteil, Plattformen wie Lokalportal würden dem guten alten Plausch über den Gartenzaun den Garaus machen, weiß der 28-Jährige entgegenzusetzen: „Im Gegenteil! Wir wollen doch gerade, dass die neuen Kontakte ins reale Leben überschwappen.“

 

Der Artikel ist erschienen im Magazin Lebensart, Ausgabe 1/2016.

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