Bringen bei Bridge & Tunnel Design, Integration und Upcycling zusammen: Lotte Erhorn (li.) und Constanze Klotz.

Bringen bei Bridge & Tunnel Design, Integration und Upcycling zusammen: Lotte Erhorn (li.) und Constanze Klotz.

Dass die Integration von wirtschaftlich benachteiligten Menschen, Stadtteilarbeit, Design und Upcycling prima zusammengehen, beweist das Start-up von Constanze Klotz und Lotte Erhorn. Im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg entstehen bei Bridge & Tunnel von der Tasche bis zum Sweater stylische Teile aus ausrangiertem Jeansstoff. Genäht wird alles in Handarbeit, alle Mitarbeiter des Nähteams waren vorher langzeitarbeitslos oder haben eine Fluchtgeschichte.

“Der Name unseres Start-ups bezieht sich zum einen auf unseren Standort hier in Hamburg“, sagt Constanze. “Wilhelmsburg ist eben nur mit Brücke und Tunnel zu erreichen. Zum anderen wollen wir aber ja auch so etwas wie Brücken bauen für Leute, die bisher keine Chance auf dem Arbeitsmarkt hatten“.

Angefangen hatte für Kulturwissenschaftlerin Constanze und Textildesignerin Lotte alles 2013 mit der gemeinsamen Entwicklung des Stoffdecks, einem Co-Working-Space für junge Designer und Nähbegeisterte. Schnell war klar, dass die Projektleiterinnen auch die Bewohner des durch hohe Arbeitslosigkeit und das Aufeinandertreffen verschiedenster Kulturen als problematisch geltenden Stadtteils mit einbeziehen wollten. „Bei uns gründete sich ein deutsch-türkischer Nähclub“, erzählt Constanze. „Da waren wirklich großartige Näherinnen darunter, obwohl die meisten gar keine richtige Ausbildung hatten.“ Die Idee, ein eigenes Label zu gründen und Langzeitarbeitslosen mit Migrationshintergrund eine Chance an der Nähmaschine zu geben, ließ die beiden Sozialunternehmerinnen schließlich nicht mehr los, bis schließlich 2016 der Startschuss für Brigde & Tunnel fiel.

Von Anfang an fest im Nähteam: Mandeep Kaur bekam bei Bridge & Tunnel auch ohne Ausbildung eine Chance.

Von Anfang an fest im Nähteam: Mandeep Kaur bekam bei Bridge & Tunnel auch ohne Ausbildung eine Chance.

Heute arbeiten auf der Wilhelmsburger Fabriketage sechs Festangestellte, davon zwei gelernte Bekleidungstechnikerinnen als Anleiterinnen sowie drei Frauen und ein Mann an den Nähmaschinen. Mandeep Kaur ist eine von ihnen und kam vor 13 Jahren gemeinsam mit ihrem Mann nach Hamburg. Die beiden gründeten hier eine Familie. Die 39-Jährige war in Indien in der Fertigung von Saris beschäftigt. „Genäht wurde dort mit der Hand“, erzählt sie. Eine Ausbildung hat Mandeep nicht. „Alles was ich damals können musste, hatte mir meine Mutter vorher beigebracht“. Heute sitzt sie wie selbstverständlich vor der Industrienähmaschine und widmet sich den perfekten Nähten.

Eine Ausbildung ist für Constanze und Lotte keine Voraussetzung, jemanden einzustellen. „Häufig bringen die Menschen tolle kreative Fähigkeiten und Fertigkeiten aus ihren Heimatländern mit, da braucht es nicht unbedingt ein Zeugnis“, sagt Constanze. „Wichtig ist, dass wir qualitativ tolle Produkte abliefern, denn nur dann ist jemand auch bereit, dafür Geld zu zahlen. Und genau diese Erfahrung zählt für unsere Leute: Jemand kauft etwas, das ich gemacht habe. Wir bieten hier eben nicht die x-te Beschäftigungsmaßnahme an, sondern einen richtigen Job.“ Neben den Festangestellten absolvieren zurzeit auch vier Geflüchtete ein Praktikum. „Für uns war es selbstverständlich, sich auch diesem Thema zu stellen“, so Lotte.

Stylish, integrativ, nachhaltig: Die Taschen von Bridge & Tunnel gibt es in wenigen ausgewählten Boutiquen und im Webshop.

Stylish, integrativ, nachhaltig: Die Taschen von Bridge & Tunnel gibt es in wenigen ausgewählten Boutiquen und im Webshop.

Neben dem integrativen Aspekt und der Lust am Design ist es den beiden Gründerinnen wichtig, Ressourcen zu sparen. Für ihre Taschen, Rucksäcke, Teppiche und Co. verwenden sie Stoff von ausrangierten Jeans, der sonst im Müll landen würde. Das Material kaufen sie unter anderem von der benachbarten Kleiderkammer an und beziehen es aus einem Recycling-Projekt eines Hamburger Versandhändlers. Warum Jeans? „Das Material ist einfach super vielfältig und sieht gerade im Patchwork toll aus“, schwärmt Constanze. Gerade haben die beiden ihre erste Bekleidungskollektion auf den Markt gebracht: zwei verschiedene Sweater-Modelle aus Denim, günstig bezogen aus Fehl- und Überproduktionen, sowie aus bio-zertifizierter Baumwolle. „In Zukunft wollen wir uns auch an andere Stoffe wagen“, so Lotte. „Aber“, sagt sie und schmunzelt, „immer eins nach dem anderen“.

Der Text ist erschienen im Magazin Lebensart, Ausgabe 5/2017.

 

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