2015-04-14 09.20.36Es tippelt, es gackert und es flattert. Den Kopf schief gelegt, richten sich Hunderte von kleinen runden Knopfaugen neugierig auf den Besuch, der da staksig über den mobilen Zaun der grünen Hühnerwiese geklettert kommt. Keck picken Erna, Hannelore und Co uns in den Schuh – Berührungsängste: Fehlanzeige.

„Hühner sind sehr neugierige Tiere“, sagt Gärtnerin und „Hühnermama“ Britta Didtzuhn schmunzelnd.

Sie kümmert sich auf dem Hof Wittschap am Stadtrand von Kiel um das Federvieh von Biolandwirt Christmut Anders, der seit Januar neben seinem nach Demeter-Richtlinien angebauten Biogemüse nun auch Bio-Eier vermarktet. Dass zwischen den rund 700 Hühnern auch 14 Junghähne herumstolzieren und über das Geschehen wachen, ist nicht selbstverständlich. Anders hat sich der Initiative Bruderhahn angeschlossen, einem Zusammenschluss von Bioverbänden, Landwirten, Produzenten und Händlern, der dem nutzlosen Töten von männlichen Küken ein Ende setzen will. Der Hintergrund ist brutal: Rund 45 Millionen männliche Küken werden hierzulande jährlich direkt nach dem Schlüpfen vergast und geschreddert, weil sie keine Eier legen und auch in der Mast nicht profitabel sind. Sie werden nicht so fett, wie das speziell auf Schlachtung gezüchtete Mastgeflügel, deshalb werden sie zu Tiermehl – oder landen auf dem Müll. Eine Praxis, die bis heute nicht nur in der konventionellen Geflügelwirtschaft, sondern auch in vielen Biobetrieben üblich ist.

„Vier Cent für die Ethik“, …

… unter diesem Motto hat die Bruderhahn Initiative vor drei Jahren eine einfache wie schlüssige Rechnung aufgemacht. Jedes Ei kostet vier Cent mehr, und die Mehreinnahmen gehen in die Aufzucht der Brudertiere, um die wirtschaftlichen Nachteile ihrer Mast auszugleichen. Auch für Christmut Anders war von Anfang an klar, dass er sich dieser besonderen Bruderhilfe anschließen wird.

„Alles andere ist unethisch“, sagt er.

Bei ihm kostet ein Ei 49 Cent. Seine Kunden, die bei ihm im Hofladen oder am Stand auf dem Kieler Wochenmarkt einkaufen, können sich aber auch für eine sogenannte „Huhnaktie“ entscheiden. Die gibt es in Bronze, in Silber oder in Gold. In Silber etwa schlagen zwei Jahre lang wöchentlich sechs Eier mit 286 Euro im Voraus zu Buche.

„Eine Win-win-Situation“, sagt Anders. „Die Kunden unterstützen ein sinnvolles Projekt, ich habe Planungssicherheit und der Stückpreis der Eier liegt mit der Huhnaktie wieder etwas niedriger.“

Über mangelnde Nachfrage in den ersten Monaten kann er sich nicht beklagen: Rund 80 Kunden haben sich bereits ihre Aktie gesichert.

Mit Ei und Aktie gegen das Schreddern männlicher Küken: Britta Didtzuhn und Christmut Anders im Hofladen von Hof Wittschap.

Mit Ei und Aktie gegen das Schreddern männlicher Küken: Britta Didtzuhn und Christmut Anders im Hofladen von Hof Wittschap.

Auf dem Hof Wittschap haben Hühner wie Hähne ein gutes Los gezogen. Im mobilen Stall, einer Unterkunft auf Rädern, die von außen aussieht wie ein großer LKW-Anhänger und von innen ein moderner Hühnerstall mit allem Pipapo ist, ziehen sie alle 14 Tage auf ein neues Stück Grün um. Der Einsatz von Antibiotika ist Tabu, die Tiere können jederzeit nach draußen, haben ausreichend Platz und bekommen – all das schreiben ohnehin sowohl die Bruderhahn- als auch die Demeter-Regeln vor – ausschließlich Biofutter. Für Christmut Anders sind seine Hühner zudem Teil der Fruchtfolge:

„Sie düngen uns den Boden für den Gemüseanbau vor, und auch mit Schnecken haben wir anschließend weniger Probleme.“

Seine Hähne wird er, nachdem sie in einigen Wochen die Mastreife erreicht haben, vermarkten. Unter anderem möchte ihm ein Hersteller von Bio-Babynahrung, der sich ebenfalls der Bruderhahn-Idee angeschlossen hat, Fleisch abnehmen. Ob auch die Verbraucher bereit sind, fürs Suppenhuhn tiefer in die Tasche zu greifen, werde sich zeigen, so der Biobauer.

Züruck zur Zweinutzung

Neben der Vier-Cent-Idee geht die Bruderhahn Initiative noch einen Schritt weiter. Sie setzt vor allem auf die Züchtung neuer Zweinutzungsrassen, also auf solche, bei denen die Hennen Eier legen und sich die Hähne für die Mast eignen.

„Solche Rassen sind meist sehr robust und vital und kommen besser mit den Bedingungen in ökologischen und biodynamischen Betrieben zurecht,“ sagt Renée Herrnkind, Sprecherin vom Bioanbauverband Demeter.

Gerade hat der Verband gemeinsam mit Bioland eine GmbH zur ökologischen Tierzucht gegründet. Schon in einigen Jahren, so Herrnkind zuversichtlich, rechne man mit den ersten verfügbaren Tieren für eine ökologische Zweinutzung.

Auch die Bundesregierung hat vor wenigen Wochen gemeinsam mit Leipziger Forschern einen Vorstoß gemacht, um das sinnlose Schreddern von männlichen Küken zu vermeiden. Sie wollen das Geschlecht der Hühner bereits vorm Schlüpfen durch ein sogenanntes Spektroskopieverfahren direkt im Ei bestimmen. Eier mit männlichen Embryos müssten dann gar nicht mehr ausgebrütet werden. Bis 2017 soll dieses Verfahren Einzug in die Ställe der Geflügelwirtschaft halten.

„Grundsätzlich eine gute Idee“, findet Christmut Anders, fügt aber hinzu: „Wenn das Verfahren aber letztlich nur dazu dient, der Massentierhaltung einen etwas ethischeren Anstrich zu geben, bin ich skeptisch.“

Der Artikel ist im Magazin lebensart, Ausgabe Mai 2015 erschienen.

 

 

 

 

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