20150605=FairEconomics-Cover-final=rgb=300dpiDie Kieler Ökonomin Dr. Irene Schöne plädiert in Ihrem neuen Buch „Fair Economics“, das bisher nur auf Englisch erschienen ist, für die ökologische Modernisierung des Naturbegriffs in den Wirtschaftswissenschaften. Für das Magazin [Mohltied!] durfte ich mit der Wissenschaftlerin über ihre Forschung, die Chancen für die Landwirtschaft und eine neue Wertschätzung von Lebensmitteln sprechen.

Sie plädieren für die Modernisierung des Naturbegriffs in der Ökonomie. Warum?

Klimawandel, schwindende Artenvielfalt und Vermüllung der Meere, durch unseren Umgang mit der Natur zerstören wir sie. Während die Mehrheit der Ökonomen davon ausgeht, dass sich aus diesen zwar unbeabsichtigten, aber in Kauf zu nehmenden Folgen unseres Wirtschaftsmodelles neue Geschäftsfelder wie etwa Geo-Engeneering* erschließen lassen, gibt es auch solche, die dafür plädieren, derartige Folgen von vornherein zu vermeiden. Dazu muss man zunächst herausfinden, warum diese Schäden auftreten. Fakt ist, der Naturbegriff in der Ökonomie ist seit Jahrhunderten nicht erneuert worden. Wie der schottische Nationalökonom Adam Smith bereits im 18. Jahrhundert geht man auch heute immer noch von der Natur als Produktionsfaktor aus, als ein externes Objekt: als Boden, Ressource oder einfach nur das Grüne. Quasi hier der Mensch, dort die Natur. Das ist historisch völlig überholt. Auch die Naturwissenschaften sehen heute die Natur als einen dynamischen und wechselwirkenden Entwicklungsprozess. Leider weigert sich ein Großteil der Ökonomen anzuerkennen, dass die Art, wie wir heute wirtschaften, sich kulturell entwickelt hat und keine natürliche Ordnung darstellt.

Was genau müsste der Naturbegriff Ihrer Meinung nach beinhalten?

Zunächst müssten die Wirtschaftswissenschaften den modernen Naturbegriff der Naturwissenschaften übernehmen, nach dem wir Menschen als natürliche Wesen in die Umwelt eingebunden sind. Der Mensch ist auf die ständige Interaktion sowohl mit der ihn umgebenen Natur, als auch mit anderen Menschen angewiesen und bildet so die historisch-kulturellen Formen des Umgang mit Natur aus. Darüber hinaus muss auch der Eigenwert von Natur berücksichtigt werden. Man kann diesen zwar physikalisch definieren, aber eben nicht in Geld. Die Wirtschaftslehre vergisst auch gerne, dass viele Naturressourcen auf unserem Planeten endlich sind. Wollte man dies in der Kategorie Geld ausdrücken, müsste der Preis für endliche Güter unendlich hoch sein. Last but not least müsste der Naturbegriff beinhalten, dass wir als Menschen nicht nur Verursacher von Umwelt- und Klimakrisen sind, sondern eben auch Opfer.

Dass die Folgen des Klimawandels auch massive Kosten verursachen und sich ein nachhaltigeres Wirtschaften durchaus lohnt, ist bei Ökonomen angekommen, Stichwort Green Economy. Geht das nicht schon in die richtige Richtung?

Es reicht nicht aus. Die Green Economy geht davon aus, dass die Wirtschaftslehre die Natur „vergessen“ habe. Dies stimmt allerdings schon mal nicht, da ja die Natur, wie eben erwähnt, als Produktionsfaktor bereits einbezogen wird. Green Economy möchte nun die angeblich vergessene Natur als vierten Produktionsfaktor neben Boden, Arbeit und Kapital hinstellen. Die intakte Natur soll also nicht von der Natur selbst produziert werden, sondern vom Markt. Für die Natur macht Geld aber keinen Sinn. Das bisherige Verständnis, das ja die Umweltschäden verursacht, wird somit eher noch gefestigt statt modernisiert. Schäden können so nicht von vornherein vermieden werden.

Kommen wir auf die Landwirtschaft. Die existenzbedrohenden Preis- und Absatzentwicklungen für die Bauern sowie die teils hitzigen Diskussionen über Massentierhaltung, Überdüngung und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zeigen, dass etwas im Argen liegt …

Industrielle Agrarfabriken sind die Umsetzung oben beschriebener Logik. Es wird davon ausgegangen, dass der Mensch allein entscheidet, was wo produziert wird. Der Mensch ist aktiv, die Natur passiv. Artenvielfalt und Bodenfruchtbarkeit nehmen ab, angebaut wird überwiegend nur noch, was sich finanziell lohnt, und Lebensmittel werden standardisiert. Die industrielle Landwirtschaft ist allerdings nicht naturgegeben, sondern eine kulturelle Entwicklung, die auf einem bestimmten Naturverständnis beruht.

Es liegen also auch für die Landwirtschaft Chancen in der Neudefinition von Natur?

Ja, unbedingt. Der ökologische Landbau folgt ja bereits einer anderen Logik. Hier steht die Naturerhaltung im Vordergrund. Durch eine Modernisierung des Naturbegriffs in der Wirtschaftslehre wird eben diese Kooperation zwischen Mensch und Natur in den Vordergrund gestellt. Nicht nur finanzieller Profit wäre dann das Ziel, sondern auch eine Entlastung der Natur und Gesunderhaltung der Böden von vornherein. Durch diese Herangehensweise würden beispielsweise Demeter oder Bioland nicht länger als Nischenvertreter wahrgenommen, sondern als Vorbilder, nach denen sich die gesamte Landwirtschaft richten müsste.

Und die Schaffung von Monokulturen würde keinen „Sinn“ mehr machen …

Ganz genau. Weil wir nicht länger alle unsere Entscheidungen allein nach dem finanziellen Profit ausrichten würden. Und es ginge auch nicht mehr nur um Produktion zu möglichst geringen Kosten, sondern auch um den Konsum und die Beteiligung der Menschen am Wirtschaftsprozess. Die sogenannte solidarische Landwirtschaft, bei der sich Verbraucher mit den Landwirten zusammenschließen, ist hierfür ein gutes Beispiel. Es würde eben nicht länger ausreichen, nur möglichst billig zu produzieren und billig anzubieten.

Könnte das auch wieder zu einer größeren Wertschätzung von Lebensmitteln führen?

Zweifellos. Allerdings müssen wir Verbraucher aufhören, allein das Geld zum Maßstab unserer Kaufentscheidungen zu machen. Und wir müssten uns wieder mit unseren Lebensmitteln befassen und sollten unverarbeitete, frische, regionale und saisonale Nahrungsmittel kaufen und selbst zubereiten. Wir müssten uns beteiligen. Am Ende gilt: Wenn man alle Kosten für Dünger, Pestizide, Tierarztkosten Transport, Energieverbrauch, Umweltschäden und dergleichen einmal umlegen würde, würde sich ohnehin herausstellen, dass die industriell erzeugten Lebensmittel so billig gar nicht sind.

 

Irene Schöne

Irene Schöne ist promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin mit dem Fokus auf die Modernisierung der ökonomischen Theorie vor dem Hintergrund von Umweltkrise, Klimawandel und Biodiversitätverlust. Sie war Abgeordnete der Hamburgischen Bürgerschaft für die SPD und ging Ende der 1980er-Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Schleswig-Holsteinischen Landtags nach Kiel. Unter anderem war sie Vorstandsmitglied des Öko-Instituts Freiburg und Mitbegründerin des Berliner Instituts für Ökologische Wirtschaftsforschung sowie jahrelang Mitglied im Aufsichtsrat und ist noch Mitglied im Umweltbeirat der UmweltBank AG, Nürnberg.

Das Interview ist erschienen im Magazin [Mohltied!], Ausgabe 4/2016. 

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