Kulturgrenzenlos FrauengruppeWenn man Friederike Lübben und Mohamad Fouad Kabadbek in einem Kieler Café gegenübersitzt, meint man, sie würden sich seit Ewigkeiten kennen. Die beiden unterhalten sich und scherzen unbeschwert miteinander, wirken vertraut. Dabei sind sich die Kielerin und der seit zwei Jahren in der Fördestadt lebende Syrer erst vor knapp anderthalb Jahren das erste Mal begegnet. Zusammengebracht hat die beiden das Projekt „kulturgrenzenlos“, das Geflüchtete und Landeshauptstädter miteinander als „Tandem“ in Kontakt bringt.

Wir wollen, dass sich die Menschen auf Augenhöhe begegnen“, sagt Malwina Swiacka, die gemeinsam mit sieben Mitstreiterinnen seit April 2015 Tandems vermittelt. Interessierte geben in einem Fragebogen Auskunft über Alter, Beruf und Interessen. „Wir gucken dann, wer mit wem zusammenpassen könnte“, so Malwina. Über gemeinsame Unternehmungen möchten die Initiatorinnen, dass Geflüchtete und „Locals“ ins Gespräch kommen, Kultur und Sprache des jeweils anderen kennenlernen. „In den meisten Fällen sind die Tandempartner auf einer Wellenlänge“, erzählt Malwina. 400 Zweiergespanne konnte das Projekt bisher vermitteln. „Da sind zum Teil echte Freundschaften entstanden, und es wurden WGs gegründet“, sagt die 28-Jährige.

 Erst Tandem, dann Freunde: Friederike Lübben und Mohamad Fouad Kabadbek

Erst Tandem, dann Freunde: Friederike Lübben und Mohamad Fouad Kabadbek

Bei Friederike und Mohamad stimmte die Chemie von Anfang an. „Obwohl wir zunächst fast nur auf Englisch kommunizieren konnten, hatten wir uns gleich viel zu sagen“, erzählt Mohamad – mittlerweile in fast perfektem Deutsch. Friederike nickt. Dass sich die beiden „gefunden“ haben, verdanken sie wohl ihrem gemeinsamen Hobby, das sie in den Fragebogen des Tandem-Projektes eingetragen hatten: Reiten. Mohamad amüsiert sich noch heute darüber, wie ihn eine Teamfrau von kulturgrenzenlos, die ihm beim Ausfüllen half, mit hochgezogener Augenbraue ansah. „Sie dachte, ich mache einen schlechten Witz“, so der 30-Jährige grinsend. Und dann wird der studierte Betriebswirt, der vor seiner Flucht in Syrien als Buchhalter bei einem großen Unternehmen gearbeitet hat, ernst und erzählt: „Wenn du hier ankommst, bist du zunächst völlig aufgeschmissen. Dir ist alles fremd, und du weißt nicht, an wen du dich wenden kannst. Projekte wie kulturgrenzenlos sind da eine große Chance, weil du Leute triffst, die echtes Interesse haben.“

Alle Altersgruppen dabei

Gemeinsame Nachmittage bei Friederikes Pflegepferd hat das Tandem zwar bisher kaum verbracht, dafür ist Mohamad mittlerweile gern und oft gesehener Gast in ihrer WG. „Wir kochen zusammen, schnacken und gehen auch mal zusammen auf Partys“, erzählt Friederike. Die 29-Jährige arbeitet im schleswig-holsteinischen Umweltministerium in der Gewässerschutzberatung. „Eigentlich ist Mohamad mittlerweile fest in meinen Freundeskreis integriert und hat letztes Jahr sogar sein erstes typisch deutsches Weihnachten bei meinen Eltern mitgemacht.“ Der Syrer möchte in Kiel Wirtschaft studieren, absolviert zurzeit die nötigen Deutschkurse an der Uni und nebenbei ein Praktikum in einem kleinen Kieler Buchladen.

Das Team von kulturgrenzenlos: Corinna Weiß, Malwina Swiacka, Judith Tomann, Dana Schröder, Lena Stöcker (vorne v.l.n.r.), Lea Friederike Lükemeier, Leoni Gorenflo, Jana Nau (hinten v.l.n.r.)

Das Team von kulturgrenzenlos: Corinna Weiß, Malwina Swiacka, Judith Tomann, Dana Schröder, Lena Stöcker (vorne v.l.n.r.), Lea Friederike Lükemeier, Leoni Gorenflo, Jana Nau (hinten v.l.n.r.)

Die meisten, die sich bei kulturgrenzenlos anmelden, sind zwischen 18 und 35 Jahre alt. „Mittlerweile haben wir aber alle Altersgruppen dabei, auch einige 60-Jährige. Aufseiten der Flüchtlinge sind momentan auch noch einige über 35-Jährige auf der Suche nach einem Tandempartner“, sagt Malwina. „Es kann sich wirklich jeder ab 18 Jahre bei uns anmelden.“ Alle zwei Wochen findet unter anderem in den Räumen der Alten Mu am Kieler Lorentzendamm ein Treffen statt. Beim gemeinsamen Kochen, Filmegucken oder Kickern können sich die Tandems dann auch untereinander kennenlernen, und auch Interessierte sind willkommen. Einmal im Monat lädt das Projekt zudem zum reinen Frauentreffen zwischen Geflüchteten und Kielerinnen ein. Wer Teil eines Tandems werden möchte, kann online oder bei einem der Treffen den Fragebogen ausfüllen. Nach der Vermittlung findet das erste Treffen gemeinsam mit einem Teammitglied von kulturgrenzenlos statt. „Dann können sich beide erst einmal in entspannter Atmosphäre beschnuppern“, erklärt Malwina.

Friederike und Mohamad möchten ihre Erfahrungen – zunächst als Tandem, mittlerweile als gute Freunde – nicht mehr missen. „Es ist auf jeden Fall eine Bereicherung“, so die beiden einstimmig.

Der Artikel ist erschienen im Magazin Lebensart, Ausgabe 1/2017.

 

Leave a comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*


1 × seven =

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>