Mein Haus, mein Auto, mein Boot: Rund 10.000 Gegenstände besitzt jede/r von uns hierzulande im Schnitt. Das hat jüngst das Bundesumweltministerium ausgerechnet. Und schon 2008 fand der Internetriese Ebay mit einer von ihm in Auftrag gegebenen Studie heraus, dass in unseren Schränken Gegenstände herumliegen, die einen Gesamtwert von mehreren hundert Milliarden Euro haben. Wir sind komplett zugemüllt mit Sachen, so scheint es. Denn welche davon nutzen wir wirklich regelmäßig?  Seltener gebrauchte Gegenstände wie Bohrmaschine und Co arbeiten im Laufe ihres Lebens gerade einmal eine viertel Stunde. Und selbst das Auto steht in der Regel 23 Stunden am Tag herum.

Haben, haben, haben! Der stete Ruf  unserer wachstumsfixierten Gesellschaft lässt Ressourcen rasant schwinden und ist zudem auch für viele in Krisenzeiten unbezahlbar geworden. “Tauschen und Teilen” lautet das Motto einer Bewegung, die nach und nach aus dem Nischendasein heraus im Mainstream ankommt.

Den neuen sogenannten Collaborative Consumption möglich macht uns heute vor allem das Internet. Immer mehr Tausch- und Leihbörsen wie Netcycler  oder Frents lassen uns unkompliziert den alten Esstisch gegen einen DVD-Player tauschen und in der Nachbarschaft eine Stichsäge ausleihen. Klamottentauschparties sind landauf landab schwer angesagt, man übernachtet per Couchsurfing in anderer Leute Wohnzimmer, in Nachbarschaftsgärten wird gemeinsam Gemüse gezogen und sogar Autos lassen sich mittlerweile auf  Plattformen wie tamyca unkompliziert von privat ausleihen.

Wie ernstzunehmen ist der Trend zum Ko-Konsum und taugt er, uns in Sachen Nachhaltigkeit voranzubringen? Darüber habe ich mit dem Konsumforscher und Leiter des Wuppertaler Centre of Sustainable Consumption and Production (CSCP) Michael Kuhndt gesprochen:

 

Herr Kuhndt, hat der derzeitige Trend zum Teilen und Tauschen das Zeug, unseren Konsum wirklich nachhaltig zu verändern?

Das muss man differenziert betrachten. Es gibt verschiedene Gruppen, die in diesen sogenannten Ko-Konsum eintauchen. Auf der einen Seite gibt es Menschen, die sich tatsächlich bewusst mit dem Thema beschäftigen und ihren eigenen Konsum kritisch hinterfragen. Für die verändert sich tatsächlich etwas. Es gibt aber auch Leute, die zunächst einmal internetaffin sind und sich mit der Konsumfrage überhaupt nicht auseinandersetzen. Die geraten an solche Plattformen zum Teilen oder Tauschen und probieren es dann einfach mal aus.

Besteht dadurch nicht gerade für die zweite Gruppe die Chance, sich ernsthafter mit dem Thema „Konsum“ zu beschäftigen?

Auf jeden Fall! Interessant ist ja auch, wer diese Plattformen anbietet. Oft haben sich die Unternehmen, die hinter diesen Ideen stecken, schon mit der Frage auseinandergesetzt, wie man den Konsum zu weniger Ressourcenverbrauch verändern kann. So ein Angebot kann also durchaus Köpfe verändern und dazu anregen, mal darüber nachzudenken, ob ich wirklich immer alles kaufen muss oder nicht eigentlich auch der Zugang zu einem Produkt reicht und so Ressourcen gespart werden können.

Wo würden Sie denn eventuelle Hemmnisse für die Etablierung dieser nachhaltigeren Form von Konsum sehen?

Nur im eigenen Kopf. Die Frage ist doch: Brauchen wir in Zukunft materielle Statussymbole oder heißt in Zukunft „Gutes Leben“, möglichst viele soziale Kontakte zu haben? Gerade über das Teilen und Tauschen stellen Sie ja soziale Kontakte her und lernen Menschen kennen. Ich sehe im Moment eher Fördermöglichkeiten denn Hemmnisse für diese Art von Konsum, die ja eigentlich gar nicht neu ist. Denken Sie nur an die Generation unserer Großeltern, die in ihren intakten sozialen Netzwerken viel mehr geteilt und getauscht haben. Heute kann uns das Internet diese Kontakte wieder herstellen.

Funktioniert dieser Ansatz eigentlich nur im privaten Bereich?

Nein! Interessant wird es, wenn auch Unternehmen, die etwa ihre Produkte nicht absetzen können, ins Tauschen und Teilen einsteigen. Gerade in der Landwirtschaft sieht man das heute schon, etwa bei Landmaschinen oder Traktoren. Die werden durchaus getauscht, weil einfach die Anschaffungskosten sehr hoch sind. Aber auch für andere Unternehmen wären solche Modelle spannend und könnten sogar noch dem sozialen Sektor zugutekommen. Wer etwa seine Bohrmaschine nicht loswird, kann dann sagen: Wer das Produkt haben möchte, kann uns eine soziale Idee anbieten und so einen Wert für die Gesellschaft erbringen.

 

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