Haben das Werftstadt-Café ins Leben gerufen: Jasmin Tarhoumi, Hans-Ulrich Stangen und Ulrike Pirwitz-Schwarz (v.l.n.r.).

Haben das Werftstadt-Café ins Leben gerufen: Jasmin Tarhoumi, Hans-Ulrich Stangen und Ulrike Pirwitz-Schwarz (v.l.n.r.).

Diana Bendix hat heute mit ihrem Elektro-Zimmerbrunnen einen echten Exoten dabei. Das Wasser plätschert zwar noch, aber die Beleuchtung ist hinüber. Wegwerfen kommt für die Kielerin aber nicht infrage. „Zu schade drum“, sagt sie, „da hängen ja auch Erinnerungen dran.“ Ihre Hoffnung setzt Bendix nun in einen der ehrenamtlichen Techniker und Bastler, die im Werfstadt-Café in Kiel-Gaarden vom Laptop bis zum Föhn schon so manches Gerät zu neuem Leben erweckt haben.

„Uns ist der Gedanke der Nachhaltigkeit wichtig, und wir möchten ein Zeichen setzen gegen die Wegwerfgesellschaft“, sagt Jasmin Tarhoumi vom Wirtschaftsbüro Gaarden. Gemeinsam mit Ulrike Pirwitz-Schwarz vom Mehrgenerationenhaus und Hans-Ulrich Stangen, ein ehemaliger Schweißer auf der Kieler Werft, hat die Diplom-Geografin das Reparatur-Café auf dem Kieler Ostufer ins Leben gerufen.

Es ist ein bisschen so wie in der Notaufnahme im Krankenhaus. Bereits wenige Minuten nachdem sich die Türen des Mehrgenerationenhauses am Vinetaplatz geöffnet haben, steht eine Traube von Menschen an der Anmeldung Schlange. Mitgebracht haben sie allerlei Patienten – vom Kleinmöbel über Elektronik bis hin zum Spielzeug. Schnell den gelben Anmeldezettel ausgefüllt, und ab geht es ins obere Stockwerk. Hier herrscht Trubel. Etwa 30 Ratsuchende sind heute gekommen und noch mal so viele Neugierige zum Gucken. An den Tischen widmen sich die rund 15 ehrenamtlichen „Mediziner“ mit Schraubenziehern, Phasenprüfern und Lötkolben den kränkelnden Geräten.

„Die meisten von ihnen“, erzählt Tarhoumi, „haben technische Berufe gelernt und waren oder sind Mitarbeiter der Kieler Werft.Hier potenziert sich Wissen, das so gut wie verloren gegangen ist, weil heute einfach kaum mehr einer repariert.“

Kurzschluss: Florian Steinel hat den Fehler schnell gefunden.

Kurzschluss: Florian Steinel hat den Fehler schnell gefunden.

Am Tisch hinter uns werkelt Florian Steinel an einem defekten Flachbildfernseher. Lange muss er nicht forschen: „Ein Kurzschluss“, so seine Diagnose. Der Funktechniker engagiert sich gerne hier. „Die Fehlersuche ist spannend, und es macht mir Spaß, den Leuten zu helfen.“

Im Oktober 2014 ging das Werftstadt Café das erste Mal an den Start. „Der Andrang war von Anfang an groß“, erinnert sich Tarhoumi. Ideengeber für das Gaardener Werftstadt-Café waren die sogenannten Repair Cafés, die sich mittlerweile weltweit von den Niederlanden über Deutschland bis hin zu Kanada und Australien organisieren, um die fast vergessene Kultur des Heilmachens wiederzubeleben und der Ressourcenverschwendung entgegenzuwirken.

Neben der Möglichkeit, defekte Dinge vor dem Müll zu retten, will das Gaardener Café aber noch mehr. Wer hier einfach nur zum Gucken oder zum Schnacken bei Kaffee und Kuchen kommt, ist genauso willkommen.

„Wir wollen, dass sich die Menschen begegnen und austauschen. Techniker mit Laien, Leute aus Gaarden mit denen von außerhalb,“ so Tarhoumi. Der Stadtteil gilt als Problemviertel, die Zahl derer, die keine Arbeit haben, ist hoch, und die Armut drückt. „Wenn dann Menschen vom Westufer oder sogar aus anderen Städten zu uns kommen und mit heilem Gerät und gutem Gefühl wieder wegfahren, ist das doch toll“, sagt die Initiatorin.

Übeltäter kaputte Dioden: Holger Lamp will den Zimmerbrunnen von Diana Bendix wieder zum Leuchten bringen.

Übeltäter kaputte Dioden: Holger Lamp will den Zimmerbrunnen von Diana Bendix wieder zum Leuchten bringen.

Diana Bendix hat mittlerweile in Holger Lamp den richtigen Experten für ihren Zimmerbrunnen gefunden. Das Teil liegt aufgeschraubt wie auf dem OP-Tisch vor den beiden. Der Defekt ist schnell gefunden: „Die Leuchtdioden sind kaputt“, erklärt der studierte Elektrotechniker. „Die passenden Ersatzteile habe ich jetzt nicht hier, aber wenn Sie möchten, besorge ich die, und wir treffen uns das nächste Mal hier wieder,“ schlägt er vor. Daniela Bendix freut’s: Operation zwar vertagt, aber beste Chancen auf Heilung.

Nächste Termine:

21. Mai, 17. September, 12. November, jeweils von 13 bis 16 Uhr. Mehrgenerationenhaus am Vinetaplatz, Elisabethstraße 64, 24143 Kiel

Der Artikel ist erschienen im Magazin Lebensart, Ausgabe 4/2016

 

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