Drei von rund 50 Mitstreitern: Birgit Jessen-Braun, Uta Bergfeld und Ingrid Lohstöter (v.l.n.r.) von der Bürgerinitiative „Angeliter bohren nach“.

Drei von rund 50 Mitstreitern: Birgit Jessen-Braun, Uta Bergfeld und Ingrid Lohstöter (v.l.n.r.) von der Bürgerinitiative „Angeliter bohren nach“.

Das knallgelbe Schild sieht man dieser Tage häufiger auf Privatgrundstücken im Landstrich Angeln: „Seismische, geophysikalische und mikrobiologische Untersuchungen sind untersagt. Zuwiderhandlungen werden zur Anzeige gebracht.“ Die Initiative „Angeliter bohren nach“ protestiert damit gegen die Pläne einer norwegischen Firma, mitten in Angeln, dem Landstrich nördlich der Schlei, nach Öl zu bohren.

Auf einer Fläche von rund 180 Quadratkilometern – von Dollerup bis zur Geltinger Bucht, von Mohrkirch bis Stoltebüll – vermutet Central Anglia das schwarze Gold und hat vom zuständigen Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie, kurz LBEG, bereits Ende 2013 die Erlaubnis bekommen, auf dem sogenannten „Erlaubnisfeld Sterup“ nach Öl zu suchen. Auch wenn Central Anglia betont, dass in Angeln kein Fracking zum Einsatz kommen werde, treiben die Angeliter die Sorgen um: vor Schäden an ihren Häusern, Gesundheitsgefahren durch den Austritt giftiger Chemikalien in die Umwelt, eine erhöhte Erdbebengefahr und die Furcht ums Lebensmittel Nummer eins:

„Vor allem haben wir hier alle Angst um unser Trinkwasser“, sagt Uta Bergfeld, eine der etwa 50 Aktivisten der Bürgerinitiative.

In Angeln ist das Trinkwasser durch den Schutz einer dicken Lehmschicht besonders sauber. Diese Lehmschicht, so Bergfeld und ihre Mitstreiter, verliere durch Tiefenbohrungen, wie Central Anglia sie vorhabe, ihre Schutzfunktion, sodass Öl und giftige Substanzen wie Quecksilber und Benzol aus dem extrem salzhaltigen Lagerstättenwasser das Trinkwasser verunreinigen könnten. Eine Einschätzung, die auch Hans-Heinrich Hennings vom Wasserbeschaffungsverband Sterup teilt. Verunreinigungen seien kein Muss, aber eben möglich. „Wir sprechen uns eindeutig dagegen aus“, sagte er jüngst mit Blick auf die geplante Ölsuche dem NDR Fernsehen. Ängste, die Central Anglia, die Firma wartet zurzeit noch auf die Erlaubnis, auch in Eckernförde, Waabs und Leezen nach Öl suchen zu dürfen, nicht nachvollziehen kann. „Sie sind wirklich nicht berechtigt“, sagt Sprecher Reinhard Gast und kündigt an, demnächst das persönliche Gespräch mit Hans-Heinrich Hennings zu suchen, „um ihm die Sorgen zu nehmen“.

Ganz unberechtigt scheinen die aber nicht zu sein, schaut man sich die Pressemitteilungen des LBEG allein für 2015 in Niedersachsen an: Fünfmal traten Leckagen an Lagerwasser- und Ölleitungen in diesem Jahr bereits ein. Für Schleswig-Holstein gibt es eine derartige Auflistung solcher Vorfälle nicht. In Angeln erwartet Central Anglia – als kleine Firma für ihre Vorhaben finanziell von einem bis heute nicht namentlich genannten Investor abhängig – nach eigenen Schätzungen einen eher kleinen Ölertrag. „Wir denken an eine Million Tonnen, vielleicht auch mehr“, bleibt Gast vage. Einen möglichen Gewinn seiner Firma betitelt er nicht, sondern verweist auf den zurzeit niedrigen Ölpreis und gestiegene Steuern. „Noch ist es gerade noch wirtschaftlich, aber dank Habecks Steuererhöhung auf das Doppelte, macht uns die Wirtschaftlichkeit Sorgen“, räumt er ein.

Die Erhöhung des Förderzinses durch Landesumweltminister Robert Habeck zum Anfang diesen Jahres gilt als Schachzug, um Unternehmen ihre Ölbohrvorhaben schwer zu machen und – so die offizielle Begründung – die nicht erneuerbaren Ressourcen zu schonen. Die Ölförderunternehmen müssen seit dem 1. Januar 40 Prozent von ihren Einnahmen an das Land Schleswig-Holstein abgeben. Die Firma PRD Energy gab bereits Anfang August alle ihre Lizenzen zwischen Nord- und Ostsee zurück. Noch aktiv im Land sind zurzeit DEA und das norwegische Unternehmen. Dass Central Anglia nun einräumt, die Frage nach der Wirtschaftlichkeit ihrer Vorhaben gebe Grund zur Sorge, dürfte die Angeliter Anti-Öl-Aktivisten freuen.

„Hier kommt einfach eine Firma und will mit einer Sache, die niemand will und die noch dazu einen nahezu unberührten Landstrich zerstört und gefährdet, ihren eigenen Profit steigern, das macht einfach sauer“, sagt Uta Bergfeld.

Ihr und ihren Mitstreitern gehe es zudem auch um die Frage nach einer zukunftsfähigen Energieversorgung. „Wir haben so viele Alternativen“, so Bergfeld, „und angesichts des Klimawandels müssen wir weg von fossiler Energie“. Die Bürgerinitiative setzt auf den Rückhalt bei den Angelitern. Sie verteilt Flugblätter, betreibt eine Homepage, organisiert Informationsveranstaltungen, schreibt offene Briefe und geht sogar von Tür zu Tür, um über das geplante Vorhaben von Central Anglia aufzuklären. „Die Resonanz ist gut“, sagt Ingrid Lohstöter, die der Bürgerinitiative ihr Know-how als Juristin zur Verfügung stellt. Am 18. Oktober laden die Aktivisten zum Angeliter Umwelttag auf den Scheersberg in Steinbergkirche ein. Hier wird es unter dem Motto „Energiewende – ist Erdölförderung noch zeitgemäß?“ Kurzvorträge, Podiumsdiskussionen und Infostände geben, und auch Vertreter von Central Anglia sind eingeladen.

Das norwegische Unternehmen hat derweil bei seinen letzten mikrobiologischen Bodenproben Hinweise auf Ölvorkommen bekommen. „Es gibt Ölanzeichen, wo wir sie erwartet hatten“, sagt Gast. Der nächste Schritt für das Unternehmen sind seismische Untersuchungen, um dies zu untermauern. Pläne, die die Bürgerinitiative durchkreuzen will. „Wir hoffen, dass niemand Central Anglia auf sein Gründstück lässt“, so Lohstöter. Rund 400 gelbe Schilder hängen bereits.

Der Artikel ist im Magazin Lebensart, Ausgabe 10/2015 erschienen.

Leave a comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*


6 × seven =

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>